Nachhaltigkeit neu definiert: KMU im Fokus der neuen EU-Berichtsstandards

Grafik mit KI erstellt
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Europa unternimmt bedeutende Schritte auf dem Pfad zu einer nachhaltigen Zukunft. Mit der Annahme der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) im November 2022 durch die EU-Institutionen wurde ein fundamentaler Rahmen geschaffen. Diese Richtlinie zielt darauf ab, die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen zu verbessern und zu vereinheitlichen, indem sie auf der vorherigen Non-Financial Reporting Directive (NFRD) aufbaut und den Anwendungsbereich erweitert.

Die CSRD erweitert den Anwendungsbereich der Berichterstattungspflicht auf mehr Unternehmen, indem sie nicht nur große, sondern auch mittelgroße Unternehmen sowie bestimmte KMU einschließt. Anstelle der bisher 500 zu einer nicht-finanziellen Erklärung verpflichteten Unternehmen werden zukünftig etwa 15.000 Unternehmen in Deutschland einen Nachhaltigkeitsbericht im Einklang mit der CSRD veröffentlichen müssen.

Gut zu wissen: Was regelt die CSRD überhaupt?

Die Corporate CSRD ist eine EU-Richtlinie, die darauf abzielt, die Qualität und den Umfang der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen zu verbessern und zu standardisieren. Sie erweitert die Berichtspflichten auf eine breitere Palette von Unternehmen, einschließlich KMU, und stellt sicher, dass diese in Bezug auf Umwelt, Soziales und Governance (ESG) transparent und vergleichbar berichten.

ESRS im Fokus

Die Einführung der Europäischen Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) ist eine Kerninitiative der CSRD, um den Green Deal der EU voranzutreiben. Diese Standards sind verpflichtend für Unternehmen, die zur Offenlegung bestimmter Nachhaltigkeitsinformationen aufgefordert sind, und sollen die Berichterstattung über Nachhaltigkeitskennzahlen vereinheitlichen und zuverlässiger machen. Die ESRS bieten die Chance, die Berichterstattungskosten mittel- und langfristig zu senken, indem sie die Verwendung einer Vielzahl von freiwilligen Standards reduzieren.

Zeitplan der Berichtspflichten

Die Implementierung der Berichtspflichten nach dem neuen Standard erstreckt sich über einen Zeitraum von vier Jahren, beginnend mit 2024, wobei Unternehmen ihren Bericht bis spätestens vier Monate nach Abschluss des jeweiligen Geschäftsjahres vorlegen müssen. Die schrittweise Einführung sieht vor:
• Vom 1. Januar 2024 an müssen große Unternehmen von öffentlichem Interesse mit mehr als 500 Mitarbeitern, die bereits unter die Non-Financial Reporting Directive (NFRD) fallen, ihre Berichte für das Jahr 2025 einreichen.
• Ab dem 1. Januar 2025 sind große Unternehmen, die bisher nicht der NFRD unterlagen und mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen – über 250 Mitarbeiter, einen Umsatz von über 50 Millionen Euro oder eine Bilanzsumme von über 25 Millionen Euro – zur Berichterstattung im Jahr 2026 verpflichtet. Es ist anzumerken, dass seit Dezember 2023 neue Schwellenwerte für die Bilanzsumme und den Umsatz für alle Unternehmensgrößen gelten.
• Ab dem 1. Januar 2026 müssen börsennotierte KMU sowie weitere Unternehmen ihren Bericht für das Jahr 2027 vorlegen, wobei KMU die Möglichkeit haben, bis 2028 zu optieren.
• Ab dem 1. Januar 2028 sind Nicht-EU-Unternehmen mit einem Jahresnettoumsatz von mehr als 150 Millionen Euro in der EU, die mindestens eine Tochtergesellschaft oder Zweigniederlassung in der EU besitzen und bestimmte Kriterien erfüllen, verpflichtet, für das Jahr 2029 zu berichten.
Durch diese Regelung wird die Berichterstattung gemäß den ESRS-Standards bis zum 1. Januar 2025 für annähernd 50.000 Unternehmen in der EU obligatorisch.

Spezielle Anpassungen für KMU

Die Herausforderungen, denen KMU bei der Erfüllung komplexer Berichtsanforderungen gegenüberstehen, werden durch die Entwicklung spezieller Standards für KMU angegangen. Diese neuen Standards sollen die Berichterstattung vereinfachen und klare Richtlinien bieten, die besser zu ihrer Größe und Struktur passen. Die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) hat bereits die Entwicklung solcher Standards begonnen, mit dem Ziel, die Nachhaltigkeitsberichterstattung sowohl für kapitalmarktorientierte als auch für nicht-kapitalmarktorientierte KMU zu erleichtern.


Was sind KMU?

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind Unternehmen, die eine bestimmte Größenklasse nicht überschreiten, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Mitarbeiter als auch auf den Umsatz oder die Bilanzsumme. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Wirtschaft, da sie oft flexibler sind und lokale Arbeitsplätze schaffen. KMU können in verschiedenen Branchen tätig sein, von Handwerk und Dienstleistungen bis hin zu Technologie und Produktion.

Die Zukunft der KMU-Berichterstattung

Am 22. Januar hat die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) Konsultationsentwürfe für zwei neue Nachhaltigkeitsstandards für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) veröffentlicht.
• Die ESRS LSME adressieren kapitalmarktorientierte KMU (Listed SME; LSME). Zum Entwurf der ESRS LSME 
• Die VSME ESRS richten sich an freiwillig berichterstattende KMU (voluntary sustainability reporting by SMEs; VSME). Zum Entwurf der VSME ESRS 

Mit den neuen Nachhaltigkeitsstandards für KMU, die von der EFRAG vorgeschlagen werden, beginnt ein neues Kapitel in der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Diese Entwicklungen versprechen, den administrativen Aufwand und die finanziellen Belastungen für KMU zu verringern und gleichzeitig eine Kultur der Transparenz und Rechenschaftspflicht zu fördern.

Die Frist für Kommentare zu den beiden Entwürfen läuft bis zum 21. Mai 2024. Die EFRAG lädt Interessengruppen ein, ihr Feedback mithilfe maßgeschneiderter Online-Fragebögen abzugeben, um die Eignung und Umsetzbarkeit der vorgeschlagenen Standards zu bewerten. Darüber hinaus plant die EFRAG während der Konsultationsphase Feldversuche durchzuführen, um direkte Rückmeldungen zur Umsetzbarkeit und Effektivität der Entwürfe zu sammeln.

Berichtspflichten für börsennotierte KMU ab 2028

Gemäß Angaben der EFRAG betrifft die Berichtspflicht für börsennotierte KMU etwa 140 Unternehmen. Diese müssen gemäß Artikel 19a Absatz 7 der Bilanzrichtlinie (nach CSRD) spätestens für Geschäftsjahre, die am 1. Januar 2028 beginnen, einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen. Die im LSME-Entwurf vorgeschlagenen Erleichterungen gegenüber den Nachhaltigkeitsberichtsanforderungen für große Unternehmen gelten auch für ca. 1000 sogenannte “kleine und nicht komplexe Institute”, firmeneigene Versicherungsunternehmen und firmeneigene Rückversicherungsunternehmen.

Freiwillige Berichterstattung gegen „Flut von Fragebögen“

Für nicht kapitalmarktorientierte KMU bleibt die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts freiwillig. Die Einführung eines europaweit gültigen Standards für die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung soll jedoch Erleichterungen bringen. Die VSME ESRS sollen die Nachhaltigkeitsberichterstattung von tausenden KMU harmonisieren und eine “Flut von Fragebögen” von Kreditgebern oder großen Kunden überflüssig machen.

Spezielle Erleichterungen für KMU in der Nachhaltigkeitsberichterstattung

Wie bereits erwähnt stellt die Berichterstattung insbesondere für KMU eine große Herausforderung dar. Um diese Hürden zu adressieren und die Teilnahme von KMU an der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erleichtern, wurden spezifische Erleichterungen entwickelt. Nachfolgend sind einige dieser Erleichterungen aufgeführt:

Verwendung von Schätzungen: KMUs dürfen Schätzungen verwenden, wenn die direkte Datenerhebung nicht mit angemessenem Aufwand möglich ist. Dies betrifft insbesondere die Berichterstattung über ihre Auf- und Abstrom-Wertschöpfungskette, für die Sektor-Durchschnittsdaten und andere Proxy-Daten genutzt werden können.

Übergangsbestimmungen für die Wertkette: Unternehmen haben in den ersten drei Jahren der Berichterstattung die Möglichkeit, Informationen zur Auf- und Abstrom-Wertkette zu beschränken. Sie müssen jedoch ihre Bemühungen zur Beschaffung dieser Informationen darlegen, die Gründe für fehlende Informationen erklären und ihre Pläne zur zukünftigen Beschaffung aufzeigen.

Limitierung der Informationen zur Wertschöpfungskette (englisch Value Chain): Während der ersten drei Jahre können KMU die Informationen zur Wertschöpfungskette auf intern verfügbare Daten und öffentlich zugängliche Informationen beschränken. Es ist nicht erforderlich, Informationen zur Wertschöpfungskette einzubeziehen, außer jene, die sich aus anderen EU-Gesetzgebungen ergeben.

Spezifische Ausnahmen für sehr kleine Unternehmen: Unternehmen oder Gruppen mit einer durchschnittlichen Anzahl von nicht mehr als 50 Mitarbeitern an ihren Bilanzstichtagen können bestimmte Informationen in den ersten zwei Jahren ihrer Nachhaltigkeitserklärung auslassen, sofern sie die Vorschriften bezüglich der Arbeiter, betroffenen Gemeinschaften und Verbraucher nicht erfüllen.

Abgrenzung der Berichterstattung: KMUs sind nicht verpflichtet, über jeden Akteur in ihrer Wertschöpfungskette zu berichten, sondern lediglich über wesentliche Informationen. Dadurch wird der Umfang und die Komplexität der benötigten Daten reduziert und die Berichterstattung erleichtert.

Emissionsberechnungen und -berichterstattung: Bei der Berichterstattung über Treibhausgasemissionen und -entfernungen dürfen KMUs alle verfügbaren und unterstützenden Informationen nutzen, ohne unverhältnismäßigen Aufwand oder Kosten. Dazu gehören interne und externe Daten, Sektor-Durchschnittsdaten, und Stichprobenanalysen.

Die aufgeführten Erleichterungen verdeutlichen das Ziel der beiden Standardentwürfe, die umfangreichen Anforderungen an Nachhaltigkeitsberichte durch gezielte Maßnahmen zu vereinfachen. Dadurch sollen KMU in die Lage versetzt werden, effektiver auf finanzielle und marktbezogene Bedürfnisse zu reagieren.

Fazit für die Praxis

Für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) signalisiert die Einführung der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und der zugehörigen Europäischen Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) einen wichtigen Hinweis: Ab 2024 stehen sie vor neuen Berichtspflichten, die Transparenz und Rechenschaft über ihre Umwelt- und Sozialleistungen verlangen. Besonders relevant ist die Entwicklung spezifischer Standards für KMU, die darauf abzielen, den Berichtsprozess an die speziellen Bedürfnisse und Kapazitäten kleinerer Unternehmen anzupassen. Diese Maßnahme erleichtert KMU die Vorbereitung auf und die Umsetzung von Nachhaltigkeitsberichten, indem sie klare Leitlinien und vereinfachte Anforderungen bietet. KMU sollten diese Entwicklungen als Chance begreifen, ihre Nachhaltigkeitspraktiken zu überprüfen und zu verbessern, während sie gleichzeitig den administrativen Aufwand und die Kosten minimieren.

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